praqtics – Inhouse Start-up von Infosim entwickelt Plattform für die Circular Economy

Unsere Netzwerkpartner unterstützen nicht nur das Würzburger Start-up-Ökosystem, sie gründen auch selbst Start-ups. Wir hatten hier jüngst InnoBrain vorgestellt, eine Tochterfirma der VR-Bank sowie new degree, eine Tochterfirma von LAUDA.

Heute sprechen wir mit Oliver Stübs von praqticsexterner Link, ein Inhouse-Start-up unseres Netzwerkpartners Infosimexterner Link, das 2021 gegründet wurde. praqtics arbeitet aktuell an einem Materialpass für Kunststoffe.

Infosim entwickelt unter anderem eine Software-Lösung für Netzwerk-Management. Jetzt haben sie mit praqtics ein Inhouse-Start-up gegründet, das sich auf digitale Lösungen für Kunststoffkreisläufe fokussiert. Wie kam es dazu?

Als Spin-off der Uni Würzburg ist Infosim mit der Vision von StableNet ®, eines universellen und herstellerunabhängigen Netzwerk-Management-Systems gestartet. Im Laufe der ersten Jahre sind zwei weitere Standbeine dazu gekommen: Individualsoftware und ERP-Systeme für den Mittelstand. Der ERP-Bereich wurde in eine eigene Einheit, die anaptis GmbH, überführt. Nach dem Motto, sich nicht auf seinen Lorbeeren auszuruhen, wollte unser Geschäftsführer Dr. Stefan Köhler die Infosim-Gruppe mit einem neuen Geschäftsbereich weiter diversifizieren. Es sollten die vorhandenen Kompetenzen genutzt und zum Vorteil der Kunden vereint werden. Das führte uns dann zu den Themen Plattformen und SaaS (Software as a Service).

Als Infosim dann auf der Suche nach einem geeigneten Use Case für den Einstieg ins Plattformgeschäft war, lernten wir uns kennen. Ich hatte mich im Kunststoff-Zentrum SKZ mit meinem Team lange mit Nachhaltigkeit in der Industrie beschäftigt und zu dem Zeitpunkt gerade ein Projekt zu Kooperativem Recycling beendet. Das hatte klar gezeigt: Im Kunststoffrecycling stecken enorme Potenziale, wovon viele nur mithilfe digitaler Lösungen und Datenexpertise realisiert werden können.

Dann kam eins zum anderen, und jetzt arbeite ich daran, praqtics voranzubringen. Wir bauen eine Plattform auf, die Unternehmen hilft, die Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) kooperativ zu verwirklichen. Dazu wollen wir eine Palette an Services zur besseren Nutzung von Kapazitäten und Materialien anbieten, wie beispielsweise einen digitalen Materialpass für Kunststoffe.

Okay, Materialpass – was ist das genau?

Bei der Kunststoffverarbeitung fallen Abfälle an, alleine in Deutschland pro Jahr rund eine Million Tonnen. Das sind meist hochwertige und sortenreine Materialien. Ein Teil davon wird verkauft, von Recyclingfirmen aufbereitet und kann als sogenanntes Rezyklat wieder zur Herstellung neuer Produkte eingesetzt werden. Aber leider sind diese Mengen zu gering, und es werden zu viele wertvolle Kunststoffe entsorgt oder sogar verbrannt. Dabei könnten wir sie als Rohstoffe gut gebrauchen, schließlich sind in neuen Kunststoffprodukten europaweit nur ca. 13 Prozent Recyclingmaterial enthalten.

Eine Ursache für diese Situation ist, dass Produzenten, wie z. B. Automobilhersteller, zu wenig Vertrauen in Sekundärkunststoffe haben, weil sie die Materialien nicht gut einschätzen können. Es fehlt an durchgängigen Informationen über ihre Zusammensetzung oder Qualität, die aber wichtig sind für die Weiterverarbeitung. Dann geht man im Zweifel auf Nummer sicher und entscheidet sich für neuen Kunststoff.

Und genau hier hilft ein digitaler Materialpass. Du musst ihn dir als eine Art elektronisches Datenblatt vorstellen, das mit einem Kunststoff mitgeliefert wird und über dessen Lebensweg wichtige Informationen wie Materialkennwerte oder Verarbeitungsschritte dokumentiert. Die an der Lieferkette beteiligten Firmen können sie einsehen und bei Bedarf zurückverfolgen. Wir sorgen mit unserer Lösung also für transparente Informationen und einen vereinfachten Datenaustausch und damit für mehr Vertrauen in Sekundärkunststoffe.

Was sind die nächsten Schritte?

Wir möchten den Materialpass in den kommenden Monaten ausrollen und sprechen dazu mit allen an der Wertschöpfungskette beteiligten Unternehmen, also denjenigen, die Produktionsabfälle handeln möchten, Verarbeiter, Zwischenhändler und Recycler. Dazu arbeiten wir im vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten  Forschungsprojekt „DiLinKexterner Link“ mit mehreren Partnern zusammen.

Dazu kommt noch eine Matching-Funktion in die Software. Damit werden verschiedene Kunststoffchargen daraufhin abgeglichen, wie gut sie zu einer großen Menge vereint werden können, um ein neues Produkt damit herzustellen.

Und irgendwann wird auch das Thema Daten spannend werden.

Was meinst du damit?

Erstmal ist es keine überraschende Erkenntnis, dass heute schon in der Kunststoffindustrie riesige Mengen an Daten vorhanden sind, weil viele Kennzahlen gemessen und Produktionsschritte dokumentiert werden. Aber wie in vielen Branchen liegen die Daten in unterschiedlichen Formaten an unzähligen Orten vor und werden kaum genutzt. Schon gar nicht für die Kreislaufwirtschaft. Aber die Potenziale, die darin stecken, werden unterschätzt.

Den Unternehmen fehlen bisher einfach zu benutzende Lösungen, mit denen sie Machine-Learning-Verfahren nach Stand der Technik auf ihre Daten anwenden und die Ergebnisse in der Praxis nutzen können. Dazu brauchen sie auch noch eine Offenheit, die Daten zu teilen. Aber die wird zunehmen, da bin ich zuversichtlich.

Das ist ein Projekt, an dem praqtics gerade arbeitet. Ihr habt aber noch ein anderes …

Ja. Es gibt immer mehr Handelsplattformen für Sekundärkunststoffe, also mehr Auswahl für die Verkäufer. Man kennt das aus dem E-Commerce: Du kannst deinen Gebrauchtwagen bei Autoscout24, mobile.de, Ebay und so weiter anbieten und das auch gleichzeitig. Aber es ist aufwendig. Deshalb wollen wir es einfach machen, ein Verkaufsangebot für mehr Reichweite gleichzeitig auf mehreren Marktplätzen zu veröffentlichen und zentral zu managen.

Da die Marktplatzvielfalt aber noch nicht das Problem des mangelnden Vertrauens der Käufer in die Rezyklate löst, wollen wir automatisierte Qualitätssicherung in den Handel integrieren. So kann vor dem Kauf auf Knopfdruck eine Materialprobe zum Prüflabor geschickt und eine Bestätigung der Eigenschaften eingeholt werden. Das ist beispielsweise für Automobilzulieferer wichtig, um vorgeschriebene Spezifikationen einzuhalten. Die Kaufabwicklung läuft dann wieder über die jeweilige Plattform.

Was sind die weiteren Pläne?

Wir werden auch die Kunststoffabfälle in den Blick nehmen, die bei den Endverbrauchern entstehen. Deren Menge ist vier Mal größer als bei den Produktionsabfällen. Wie wichtig es hier ist, mithilfe digitaler Instrumente die Kreislaufwirtschaft voranzubringen, kann man täglich in der Zeitung lesen.

Außerdem macht die Architektur unserer Plattform es möglich, flexibel auf neue Kundenbedürfnisse zu reagieren und schnell Services dafür zu entwickeln. Beispielsweise können wir Funktionalitäten anderer Plattformen durch unsere ergänzen und ein Ökosystem entstehen lassen. Oder wir stellen unseren Kunden einzelne White-Label-Apps zur Verfügung, ähnlich wie bei Shopify.

Daraus können eigene Plattformen entstehen, nur für die Mitglieder einer Lieferkette. Sie können unsere Technologie in einem abgeschlossenen Bereich der Cloud nutzen und praqtics fungiert als eine „Plattform der Plattformen“. Wenn dann Maschinenund Geräte direkt in den Datenaustausch eingebunden werden, kommt die Netzwerk-Kompetenz von Infosim zum Einsatz.

Wie groß ist das Team?

Das Kernteam besteht aktuell aus einem Software-Entwickler, drei Student:innen und mir. Und zusätzlich werden wir bei bestimmten Aufgaben durch einige Kolleg:innen von Infosim unterstützt. Weiteres Wachstum ist natürlich in Arbeit.

Wir sind gespannt, wie es bei dir/euch weitergeht. Vielen Dank für das Interview.

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